Zwei Übernachtungen am Grand Canyon hatten wir hinter uns. Der Tag der Weiterfahrt sollte
eigentlich nur dazu dienen, noch einmal kurz Abschied von diesem Weltwunder zu nehmen um dann in aller Ruhe eine
Unterkunft vor, im oder hinter dem Monument Valley zu finden. Wir standen also früh auf, denn wir wussten nicht, wohin
uns das Schicksal verschlagen würde. Wider Erwarten hatte sich das Wetter aber im Gegensatz zu den vorangegangenen zwei
Tagen an diesem Morgen derart verbessert, dass wir um einen ausführlicheren Besuch der schönsten Aussichtspunkte - nun
mit Sonnenschein - nicht herumkamen. Daher konnten wir erst verhältnismäßig spät weiterfahren, zu sehr hielt uns der
Canyon in seinem Bann. Um 13 Uhr verließen wir schließlich den Nationalpark.
Unterwegs nach Monument Valley (143kb).
Flirrende Hitze auf dem Highway 160 (115kb).
Es folgten rund zwei Stunden Autofahrt auf dem Highway 160 nach Nordosten durch ödes, nahezu
unbewohntes Gebiet - das größte Indianerreservat der USA. Es gehört den Navajo, die sich selbst "Diné" nennen
und mit über 300.000 Mitgliedern heute zu den größten Indianerstämmen des Landes zählen. Auch das Monument Valley liegt
in ihrem Reservat, in dem auch heute noch einzelne Familien in sogenannten Hogans, den traditionellen Lehmhütten,
leben. Kurz vor Kayenta machten wir einen Tankstopp. Eine angenehme Pause von der nahezu schnurgeraden Strecke und eine
Möglichkeit, sich mit kleinen Snacks zu versorgen. Dann bogen wir nach Norden in das Monument Valley ein.
Einsam ragt Owl Rock in den Himmel (214kb).
Agathla Peak (370m) ist der Rest eines durch Erosion freigelegten Vulkanschlotes (218kb).
Bereits beim ersten Anblick von verhältnismäßig winzigen Tafelbergresten links und rechts des Highway
163 hielten wir an. Der Eingang zum Monument Valley lag vor uns und unser Tagesziel in greifbarer Nähe. Ganze
Fotosalven wurden geschossen - wir waren schließlich wechselhaftes Wetter gewohnt und daher froh, dieses einzigartige
Motiv bei trockenem, wenn auch wolkigem Wetter erreicht zu haben. Wir konnten ja nicht ahnen, dass es gegen Abend noch
so viel schöner werden würde was sowohl Landschaft als auch Wetter betraf. Außerdem tat es ganz gut, sich mal die Beine
vertreten zu können.
Blick in den Rückspiegel auf dem Parkplatz der Gouldings Lodge (130kb).
Die Gouldings Lodge... (234kb)
... und unser Appartementhaus links (342kb).
Da ich bereits im Internet nach einer Unterkunft im Monument Valley geforscht hatte war mein Bestreben,
in der Gouldings Lodge zu übernachten. Diese liegt nämlich direkt gegenüber des weltberühmten Tafelbergpanoramas und
ist quasi die einzige Unterkunft, die einen solchen Ausblick bietet. Als wir schließlich an dem Wegweiser zu dieser
Lodge angelangt waren versuchten wir einfach unser Glück. Nur knapp fünfhundert Meter vom Highway 163 entfernt
gelangten wir über eine staubige Piste zur Gouldings Tradepost & Lodge. Am Fuße eines Tafelberges, dem 1807 Meter
hohen Rock Door Mesa, gelegen bot die Anlage tatsächlich den versprochenen grandiosen Ausblick. Jedes Zimmer hatte
einen Balkon mit freier Sicht. Ich sah mich schon in der Abenddämmerung mit einem kühlen Sam Adams auf dem Balkon
sitzen, den Blick in die Ferne schweifend und gemütlich im Schaukelstuhl hin- und herwippend. Es wäre zu schön gewesen.
Wie fast schon befürchtet war dieses Motel natürlich völlig ausgebucht. Es sollte sich jedoch zeigen, dass das gar
nicht so schlecht war. Vielleicht sahen wir bereits ziemlich erschöpft aus; wie auch immer, man bot uns schließlich ein
Appartementhaus für supergünstige 120 Dollar an. Dieses lag neben einem zweiten Häuschen vielleicht hundert Meter
Luftlinie von der Lodge entfernt ganz einsam auf dem knochentrockenen Land gleich vor dem Steingeröll am Fuße des
Tafelbergs. Von außen betrachtet bestand unsere Unterkunft aus zwei Containerhaushälften, die am First zusammenmontiert
waren. Zwei Riesencontainer mit rotem Dach. Naja, dachte ich, lieber in einem Container übernachten als das Monument
Valley nur flüchtig aus dem Auto gesehen zu haben.
Luxus mitten in der Wüste (275kb).
Wenn das nicht gemütlich ist...
Die Überraschung war perfekt als wir den Container betraten. Von außen eine Blechhütte boten sich
innen 120 Quadratmeter purer Luxus unseren verblüfften Augen. Wir standen in einem riesigen Wohnzimmer, mit flauschigem,
zwei Zentimeter tiefem Teppichboden, einer großzügigen Couchgarnitur und schmucken Holzmöbeln. Der Raum war in drei
Bereiche unterteilt. Direkt hinter der Eingangstüre befand sich der klassische Wohnbereich. Eine passend zum Teppich
ausgesuchte, gemütliche Couchgarnitur grenzte den Bereich mit dem 3-Sitzer nach hinten zum Flur und der dahinter
gelegenen Küche und mit einem 2-Sitzer nach rechts zum Essbereich ab. In der Ecke dazwischen ragte eine schmale
Eckmauer als Stütze hinauf zur Decke. Gegenüber der Couch stand ein Fernseher mit Videorekorder, jedoch
bemerkenswerterweise kein Tisch.
Der Flur zu den Schlafzimmern... (218kb)
Unser großes Wohnzimmer mit Entertainment-Center und Türe zur Veranda.
... führt zum später durch Ungemach versperrten Gemach (234kb).
Die Küche bestand aus einer kompletten Einbauküche, natürlich auch entsprechend großzügig
dimensioniert und voll ausgestattet mit Kochutensilien und Gerätschaften. Zum Essbereich hin war die Küchenwand von
einer breiten Durchreiche und darüber liegenden offenen Abstellfächern unterbrochen. Im Esszimmer selbst befand sich
ein großer Esstisch und an der Außenseite bot sich durch zwei große Erkerfenster der berühmte Ausblick auf das Monument
Valley, den man vom Tisch aus in Ruhe genießen konnte. Über einen kurzen Flur gelangte man in den hinteren Bereich des
Wohncontainers. Hier befanden sich die Schlaf- und Badezimmer. Ja, Ihr habt richtig gelesen, es gab alles im
Doppelpack. Zwei große Schlafzimmer mit je einem Kingsize-Bett, Einbauschränken und jeweils einem eigenen Badezimmer
mit Dusche und WC standen zur Verfügung. Ein zusätzliches Gästeschlafzimmer durfte natürlich auch nicht fehlen.
Klimatisiert wurde alles über eine zentral gesteuerte und sehr effektive Klimaanlage. Auf den zweiten Blick musste ich
meinen Eindruck vom Luxus zwar etwas relativieren - die schweren Eichenmöbel waren in Wirklichkeit aus federleichtem
Pappmaschee, deren Griffe schon beim Berühren bedenklich nachgaben -, den Gesamteindruck konnte das aber nicht
wesentlich schmälern denn man sah das zumindest nicht. Und schließlich lebten wir ja aus dem Koffer und brauchten
unsere Sachen nicht in die windigen Schränke zu räumen.
Ja, hier konnte man es aushalten. Ich fühlte mich wie in einem Western, als Großgrundbesitzer mit
Rinderherde. Sogar eine kleine Holzveranda war an der Seite angebracht; hier fehlte nur der obligatorische
Schaukelstuhl, aber der war bestimmt auch irgendwo in einer Abstellkammer versteckt.
Blick von der Veranda auf den Big Indian und den davor liegenden Monument Valley Airport (150kb).
Ein startendes Leichtflugzeug vor dem Train Rock (163k).
So weit ab von der Zivilisation war ich selten. Wer bei all den Touristenattraktionen einer solchen
Rundreise ein paar Tage himmlische Ruhe genießen möchte, sollte hier etwas länger verweilen. Es gibt zwar im Umfeld bis
auf das Monument Valley selbst nicht viel Sehenswertes, aber gerade dieser Umstand ist vielleicht für den einen oder
anderen reizvoll - zumal man natürlich auch in dieser abgelegenen Lokation auf keinerlei Annehmlichkeit verzichten
muss. Die nahegelegene Lodge bietet alles, was das Herz begehrt. Ob ein beheiztes Hallenbad, dem Trading Post im Stil
der 20er Jahre, ein kleines Museum, die allabendliche Earth Spirit Show oder das Stagecoach Restaurant - für alle
Belange ist gesorgt. Der Gouldings Campingplatz gleich nebenan bietet zudem ein Lebensmittelgeschäft, einen
Kinderspielplatz und einen Waschsalon.
Auch kann man von einem der angebotenen halb- oder ganztägigen Ausflüge mit einem Navajoführer
Gebrauch machen. Zu sehen gibt es neben Anasazi Ruinen und Petroglyphen die Drehorte zu bekannten Western, eine
Tapetenweberei und Navajo Hogans, die bei einer Tour auf eigene Faust meist verborgen bleiben. Eine besonders pikante
Steinformation bekommt man übrigens nur gezeigt wenn man gaaanz brav ist ;)
Der sagenhafte Ausblick von der Veranda unseres Appartements am Abend (82kb).
Im Lodge-eigenen Fernsehsender kann man sich ein einstündiges Programm anschauen, das alles
Wesentliche über die Region, deren Entdeckung, die Familie Goulding, die Lodge und die Veranstaltungen näher bringt -
ideal für den Abend wenn es draußen schon dunkel ist. In der Lodge kann man zudem Videos ausleihen - Western versteht
sich.
Nachdem wir unsere Zimmer bezogen hatten unternahmen wir eine Fahrt durch das Monument Valley. Als wir
zurückkamen war es bereits dunkel geworden. Die Aussicht von unserer Wohnung war nun besonders reizvoll. Doch zunächst
plagte uns ein anderes Problem. Eine der Schlafzimmertüren war beim Verlassen offenbar zugeschnappt und nun verriegelt.
Leider hatte sie nur von innen einen Türgriff und von außen einen Drehknauf, der das Schloss aber nicht entriegeln
konnte. Da war guter Rat teuer. Während wir zunächst in der Lodge um Hilfe baten, die direkt einen Hausmeister
entsenden wollten - den wir aber nie zu Gesicht bekamen -, sah ich uns schon in Gedanken die Türe eintreten, denn die
Hälfte unserer Koffer war nun unserem Zugriff entzogen. Trotz dieser Notlage begannen wir mit der Zubereitung des
Abendessens. Im Lebensmittelladen hatten wir zuvor die nötigen Zutaten für ein leckeres Mahl eingekauft: vier Packungen
Nudeln und Tomatensauce - etwas, das wir halt ohne größere Zwischenfälle selbst zubereiten konnten. Während unser
Kochteam nun in der Küche zugange war entdeckte ich im Türknauf des verschlossenen Zimmers eine kleine Öffnung. Wie gut,
dass ich früher immer Miss Marple gesehen hatte, dachte ich, denn da ließ sich eine Türe doch auch immer mit einer
Haarnadel öffnen. Günstigerweise hatten wir eine solche zur Hand. Ich hatte nicht wirklich erwartet, dass diese Methode
funktionieren würde. Umso erstaunter war ich, als nach wenigen, zugegebenermaßen unkoordinierten, Bewegungen
(Herumgebüttel genannt) mit dem zurechtgebogenen Metallstück das Schloss aufsprang. Der Abend war gerettet und mein
Vertrauen in die Sicherheit amerikanischer Wohnungen tief erschüttert - sollte alles Gezeigte in den Krimis tatsächlich
funktionieren?
Rock Door Mesa bei Nacht, 8 Sekunden Belichtungszeit (255kb).
Nachdem auch die Nudeln vorzüglich gemundet hatten verbrachten wir noch eine Weile auf der Veranda und
beobachteten die Landschaft. Es war bereits tiefste Nacht, aber gerade das war ein einzigartiges Erlebnis. Keine
Lichtsmog und keine Wolken verhinderten den Blick auf die Sterne. Es war relativ kühl geworden, um nicht zu sagen kalt,
doch der Faszination der natürlichen Dunkelheit konnte ich mich nicht entziehen. Später machten wir es uns noch vor dem
Fernseher gemütlich ehe sich der Tag dem Ende neigte.
Den nächsten Morgen begannen wir mit einem ordentlichen deutschen Frühstück. Weichgekochte Eier mit
Toastbrot und Marmelade. Ein genialer Auftakt vor einer genialen Kulisse, die im grellen Sonnenlicht durch die Fenster
den Hintergrund unseres Frühstückstisches bildete. Nur schweren Herzens packten wir wieder unsere Koffer und machten
uns auf den weiteren Weg.
(Letzte Änderung: 09.02.2004)
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